Netzwerk Cultural Heritage

Leitgedanken des Netzwerkes – Thesen

  1. Die „Bezugnahme” des Neuen auf etwas Vergangenes kann in unterschiedlichen Formen und zu unterschiedlichen Zwecken vorgenommen werden. (Stichworte: Kulturelles Gedächtnis, Erinnerungsorte)
  2. Im Prinzip kann alles kulturelles Erbe sein oder besser werden, so lange es historisierend Bezug nimmt auf etwas, das für Menschen identitätsstiftende Bedeutung besitzt. Diese auch (und vor allem) politische Dimension kulturellen Erbes kann sich auf unterschiedlich weit gefasste oder verschiedenartig aufgefasste Gruppenkonstruktionen beziehen, etwa auf Regionen, Institutionen, Ethnien oder Nationen.
  3. „Kulturerbe” ist nicht, „Kulturerbe” wird gemacht. Diese Konstruktion vollzieht sich in einer Vielzahl von miteinander zusammenhängenden Aushandlungen und zuweilen Kämpfen, in denen unterschiedliche Akteure mit oft konfligierenden Interessenslagen interagieren und mit Bezug auf die Frage, welchen Elemente ihrer Geschichte der Status kulturelles Erbes zukommen soll, politische Deutungskämpfe austragen.
  4. Kulturelles Erbe konstituiert eine Industrie, die im Verbund mit anderen Industrien –vor allem der Tourismus-Industrie- große Wirtschaftskraft entfalten kann. Gegenwärtig wird dabei nicht nur Kultur kommerzialisiert, sondern auch Kommerz kulturalisiert.
  5. Diese interdependenten Bewegungen führen dazu, dass es heute für viele Gruppen schlicht und einfach heißt, entweder kulturell distinkt oder gar nicht zu sein. Ethnizität oder, genereller, kulturelle und soziale Identität selbst wird zu Markte (oder zur UNESCO) getragen und dort in Wert gesetzt.
  6. Als etwas, das man kommodifizieren und kommerzialisieren, verkaufen und kaufen kann, wird Kulturerbe zum veräußerbaren Eigentum. Das Phänomen „Kulturerbe als „cultural property” wirft dabei nicht nur ökonomische, sondern auch juristische Fragen auf. Wem gehört diese sowohl monetär als auch ideell „in-Wert-gesetzte” Ware eigentlich?
  7. Kulturelles Erbe ist ein immer bedeutender werdendes Phänomen, und dies nicht obwohl sich die Welt globalisiert, sondern weil dies so ist. Diesen gegenwärtigen „cult of cultural heritage” gilt es, kulturvergleichend in seinen unterschiedlichen Ausformungen zu beschreiben und zu analysieren.
  8. Dabei tritt immer wieder das Problem der Authentizität in den Vordergrund. Wie schon beim „Kulturerbe” selbst gilt, dass etwas nicht authentisch ist, sondern es authentisch gemacht wird. UNESCO-Welterbe stellt dabei lediglich eine zugespitzte Form von „Kulturerbe” dar, an der diese Authentifizierungsprozesse und -mechanismen gut aufgehellt werden können.
  9. Neben die Frage, ob dieses oder jenes für diesen oder jenen authentisch ist oder nicht, tritt also gleichberechtigt die Frage nach den „politics of heritage”, danach, wer die Macht hat, etwas als authentisch (oder eben auch nicht) zu erklären, und wie man dies macht.
  10. In einer Welt beschleunigter Globalisierung werden nicht nur – als Gegenbewegung sozusagen – vermeintlich oder tatsächlich bedrohte Elemente der eigenen Kultur zum „Kulturerbe” erklärt. Häufig wird auch Fremdes im Laufe der Zeit nostrifiziert. Kommodifizierung von kulturellem Erbe führt dabei nicht zwingend zu Entfremdung. Im Gegenteil: Oft wird etwas authentifiziert und als authentisch angesehen, nicht obwohl es (auch) Ware ist, sondern gerade weil es Ware ist.

Die Leitgedanken des Netzwerkes „Cultural Heritage Studies” – Grundlegendes und Thesen.

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